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Ein kleiner Pieks

Die Impfungen gegen Sars-Cov-2 haben Fahrt aufgenommen. Fast 40 Prozent der Einwohner in Deutschland hatten Mitte Mai ihre erste Dosis bekommen. Auch Wohnungslose sind als Risiko- und damit Prioritätsgruppe anerkannt, doch wegen Problemen mit dem Impfstoff stockte der Prozess. Im Mai gab es in Dortmund mehrere Impftage an Anlaufpunkten für Menschen ohne Wohnung. Den Auftakt machte das Gast-Haus im FZW.

Von Alexandra Gehrhardt Fotos: Sebastian Sellhorst

Es ist noch früh, kurz vor halb 8 Uhr morgens, trotzdem ist schon eine kleine Schlange am FZW. Gut 20 Leute stehen schon an – nicht um hier zu frühstücken, sondern um sich gegen Covid-19 impfen zu lassen. Das Gast-Haus, das in der Bar im selben Haus schon das Versorgungsangebot für wohnungslose und bedürftige Menschen organisiert, hat die große Impfaktion initiiert. Auch drinnen ist schon einiges Gewusel. Dort, wo sonst Konzerte gespielt und Partys gefeiert werden, stehen Tische und Stühle, liegen Zettel, stehen Pakete mit Pflastern und Einmalhandschuhen. Im großen Saal letzte Erklärungen von Gast-Haus-Chefin Katrin Lauterborn und die Aufteilung für den Tag: Wer steht zum Fiebermessen am Einlass, wer an der Anmeldung? Welche ÄrztInnen machen das Vorgespräch, welche impfen? Wer begleitet die Gäste von einer Station zur nächsten? Ist der Impfstoff schon da und das Sanitäter-Team für den Notfall?

„Ich hab den Bogen schon ausgefüllt“

Eine Ärztin setzt am Arm eines Wohnungslosen eine Spritze an, um ihn zu impfen.
Eine Ärztin setzt am Arm eines Wohnungslosen eine Spritze an, um ihn zu impfen

Wohnungs- und obdachlose Menschen gehören in der Corona-Pandemie zu den Risikogruppen: Viele haben Vorerkrankungen, einen schlechten Gesundheitszustand und damit ein höheres Risiko, an Covid-19 schwer zu erkranken und zu sterben. „Zu Hause bleiben“ können sie aber nicht, in der Regel bieten weder die Straße noch Sammelunterkünfte ausreichende Rückzugsmöglichkeiten. Zugleich sind sie für den „üblichen“ Impfweg schwerer erreichbar: Das komplizierte Anmeldeverfahren für Impfzentren, genau zum zugewiesenen Termin da zu sein, den zweiten einzuhalten und zwischendurch die Unterlagen nicht zu verlieren – das alles sind Hürden auf dem Weg zur Impfung. Darum greift auch Nordrhein-Westfalen auf den Impfstoff von Johnson & Johnson zurück, bei dem eine Impfung ausreicht und das im Kühlschrank gelagert werden kann. Eigentlich sollte es schon Wochen früher losgehen. Weil auch bei „Janssen“ in den USA Falle seltener Thrombosen aufgetreten waren, verzögerte sich die Auslieferung in die EU. Als die wieder anlief, kamen auch die Impfungen von Wohnungslosen ins Rollen. Hamburg und Berlin haben Hunderte Obdachlose geimpft, auch NRW-Städte wie Hagen haben schon begonnen. Bochum folgte Mitte Mai.

„Nutzt ja nix“, sagt Fredi, einer der Ersten heute Morgen. „Wenn wir nach Alter dran waren, hatten wir noch ewig gewartet. Das ist schon gut, dass das jetzt hier geht.“ Fredi ist in seinen Fünfzigern und oft nebenan bei der Corona-Hilfe von Gast-Haus und Wärmebus zum Frühstück, kennt die Leute, die die Aktion heute machen. Als der Impftermin angekündigt wurde, sagt er, hat er nicht lang überlegt. „Ich hab den Bogen letzte Woche schon ausgefüllt, damit das gleich schnell geht.“ Los geht‘s, erst zur Temperaturmessung am Eingang, dann zur Anmeldung. Wer wie Fredi schon registriert ist, kann schnell weiter zum ärztlichen Vorgespräch. „Es kann sein, dass Sie ein bisschen Fieber bekommen und Gliederschmerzen, wie eine leichte Grippe“, warnen die Ärztinnen und Ärzte vor. „Wir geben Ihnen noch Paracetamol mit, das können Sie dann einnehmen.“ Es gibt die Bögen in verschiedenen Sprachen, bei Bedarf übersetzt ein Arzt oder eine Ehrenamtliche. – „Haben Sie Vorerkrankungen?“ – Ein Häkchen bei Nein. „Allergien?“ – Nein. „Hatten Sie sonst nach dem Impfen Probleme?“ – Auch nein.

Ärmel hoch, Spritze rein, fertig

 138 Menschen, vor allem NutzerInnen der Wohnungslosenhilfe- Angebote in der Stadt, haben sich im Vorfeld angemeldet, einige kommen noch spontan. Gut 30 Leute sind im Einsatz: Ärztinnen und Ärzte vom Gast-Haus und dem Dortmunder Klinikum, die impfen, Medizinisch-Technische AssistentInnen, die sich um den Impfstoff kümmern, Ehrenamtliche, die die Anmeldung organisieren, sich um die Gäste kümmern und sie durch die Impfstraße begleiten. Das Angebot soll so wenige Hürden haben wie möglich, auch ohne Ausweis bekommt man eine Impfung. Das Gast-Haus hat drei Termine im FZW angesetzt, auch im Tagesaufenthalt im Wichernhaus, in der Frauenübernachtungsstelle und der Methadon-Ausgabe an der Bornstraße gibt es ganze Impftage. Insgesamt hat der Krisenstab der Stadt Dortmund fast 2.300 Impfdosen für Wohnungslose bestellt. Was übrig bleibt, soll in Geflüch-tetenunterkünften zum Einsatz kommen. Auch dort ist es für die Untergebrachten schwierig, sich zurückzuziehen und im Mehrbettzimmer Abstand zu halten.

„Die Virologen sagen, Impfen ist das einzige, was hilft“, sagt Christian Ionescu. Normalerweise ist er im Klinikum auf Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie spezialisiert, heute gibt er alle paar Minuten eine Spritze in Oberarme. „So etwas wie heute ist eine gute Sache, und letztendlich hilft es ja allen.“ Schon kommt der nächste Besucher: „Rechter Arm oder linker?” Der Mann ist Rechtshänder, zieht den linken Ärmel hoch, Spritze rein, fertig.

Nach dem Pieks heißt es nochmal Warten. 20 Minuten sollen die frisch Geimpften noch in dem großen Wartebereich sitzen bleiben. Falls jemand heftig auf das Impfen reagiert, ist ein Sanitätsteam hier. Eine Gast-Haus-Helferin geht mit Wasser, Saft und Schokolade herum. Fredi ist entspannt, wie eigentlich alle hier. „Ging ganz flott. Und jetzt ist es auch gut, dass wir sicher sind. Und gleich geht‘s frühstücken.“

Draußen steht Kim, er wartet noch auf einen Kumpel. Er ist Ende 20 und oft im Gast-Haus und im FZW. Auch er ist entspannt und scheint froh, es hinter sich zu haben. Dass er heute herkommt, war für ihn keine Frage. „Ich hab auch keine Lust auf diese vielen Falschinformationen.“ Die Verschwörungsmythen rund um das Virus, die Falschnachrichten, die über Messenger-Gruppen und YouTube-Videos verbreitet werden, sind unzählbar – und zuweilen viel einfacher zu finden als wissenschaftlich basierte, gut aufbereitete und verständliche Informationen.

„Ich mach jetzt Storys auf TikTok und erzähle, wie es bei mir gelaufen ist.“ Ein paar Sprachnachrichten an Bekannte: „Ob das nur für über-60-Jährige ist, weiß ich nicht, wir kriegen das hier alle.“ – „Du kannst noch herkommen, das geht bis zwölf.“ Sein Kumpel ist da, noch eine rauchen, dann geht‘s zum Frühstück. „Weißte, was die Ärztin gesagt hat? Ich hätte ‘ne harte Haut. Bin ja auch ‘n harter Typ“, lacht er. Jetzt mit Pflaster auf dem Arm.

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