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Ein Jahr Zwangspause

Eigentlich treffen wir Metin regelmäßig: beim Erscheinen der neuen Ausgabe am Ausgabetag, an seinem Verkaufsplatz auf dem Dortmunder Westenhellweg oder auch einfach auf einen Kaffee an einer unserer Anlaufstellen. Doch im vergangenen Jahr war alles anders. Nach einem Jahr selbstauferlegter bodo-Zwangspause hat uns Metin das erste Mal wieder besucht und uns von seinem Jahr ohne bodo, seiner Impfung und seiner Mitarbeit an einem Theaterprojekt erzählt.

Von Sebastian Sellhorst

Ein Jahr lang hat Metin den bodo-Verkauf ausgesetzt - wegen Corona. Jetzt ist er geimpft und kann bald wieder loslegen. Foto: Sebastian Sellhorst

„Das ist wahrscheinlich die erste bodo, die ich in der Hand halte, die ich nicht selbst verkaufe“, begrüßt uns Metin lachend, während er vor bodos Buchladen an der Bochumer Königsallee in der aktuellen Ausgabe blättert. Vor einem Jahr hat er die letzte bodo verkauft. Danach hat er sich dazu entschieden, den Verkauf erst mal ruhen zu lassen, das Risiko erschien ihm zu groß. „Ich habe es noch ein paar Tage auf der Straße probiert. Ich hab mich wirklich bemüht, zu allen Passanten Abstand zu halten und niemandem im Weg zu stehen. Aber das war einfach zu kompliziert. Viele Menschen haben überhaupt keine Rücksicht genommen und haben noch nicht mal versucht, Abstand zu halten. Also hab ich mir gedacht, jetzt lass ich es einfach erst mal sein, bis das alles vorbei ist“, erinnert er sich an den März 2020.

Seit 2016 lebt Metin in einem kleinen Zimmer im Bochumer Kolpinghaus am Rand der Innenstadt. „Dort hab ich es mir gemütlich gemacht und versucht, möglichst niemandem mehr über den Weg zu laufen.“ Einmal wöchentlich geht er einkaufen, hat sonst nur per Telefon Kontakt. „Wir durften keinen Besuch mehr empfangen, und die Kontaktbeschränkungen haben natürlich allen, die dort wohnen, ziemlich die Stimmung versaut. Ich kam damit allerdings ganz gut zurecht, ich hab ja Erfahrung damit, allein zu sein und mich mit mir selbst zu beschäftigen“, beschreibt er seine Zeit in der selbst gewählten Isolation. Nach einem schweren Autounfall in seiner Kindheit musste Metin immer wieder lange Krankenhausaufenthalte über sich ergehen lassen.

Vor einigen Wochen dann endlich die gute Nachricht: Impfungen für alle Bewohner. „Im Innenhof war ein großes Zelt aufgebaut, und wir kamen einer nach dem anderen an die Reihe. Nach all den Monaten, in denen ich nur vorm Radio gesessen und mir Infektionszahlen angehört habe, war das schon ein toller Moment“, erzählt er. Auch wenn sich sonst noch nicht viel verändert hat, sei die Stimmung seitdem bedeutend besser.

Ganz untätig war Metin in den letzten Wochen allerdings dann doch nicht. „Als ich vom Bochumer Theaterkollektiv Progranauten gefragt wurde, ob ich als bodo-Verkäufer bei einem Projekt mitarbeiten wollte, konnte ich nicht nein sagen.“ Schon mehrfach war Metin als Laiendarsteller im Rahmen von Theaterprojekten aktiv. „Natürlich war auch das alles wegen Corona nicht ganz einfach. Aber letztendlich haben wir dann doch einen Termin gefunden, an dem ich zu Themen wie Armut, Gerechtigkeit und Gemeinschaft interviewt wurde“, beschreibt Metin die Zusammenarbeit. Seine und die Geschichten anderer ProtagonistInnen haben am 1. Mai online auf www.progranauten.de als Theaterfilm Premiere gefeiert und ist danach dort verfügbar. „Wer also nicht warten kann, mit mir auf der Straße zu quatschen, der kann mir ja vorher schon mal im Internet zuhören“, sagt er und lacht.