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"Hier will ich alt werden"

Oft treffen wir unsere VerkäuferInnen in unseren Anlaufstellen oder an ihrem Verkaufsplatz. Am meisten freuen wir uns aber, wenn wir so wie von Ralf eingeladen werden. Für ihn ging es dank „Housing first“ und des Sozialen Zentrums Dortmund nach vier Jahren draußen direkt in eigene vier Wände.

Als wir bei Ralf in der Dortmunder Nordstadt ankommen, steht er schon rauchend vor der Tür und erwartet uns. „Dann lasst uns mal hochgehen. Zweiter Stock und sogar mit Aufzug, falls ich irgendwann nicht mehr gut zu Fuß bin“, erzählt er lachend. Am Ende des langen Flurs liegt sein kleines Apartment. „Es sind nur etwas mehr als dreißig Quadratmeter. Aber das reicht mir“, erzählt er, während er uns hereinbittet. Eine Schlafcouch, davor ein Wohnzimmertisch, ein kleiner Fernseher, eine Kochnische, an der Wand ein BVB-Kalender „Vier Jahre hatte ich jetzt keine Wohnung, da kommt dir das hier vor wie das Paradies“, erzählt er, während er in der kleinen Küche Kaffeewasser aufsetzt.

Bevor er im November seine Wohnung bekommen hat, war Ralf obdachlos. Zuletzt habe er in leerstehenden Häusern am Dortmunder Hafen geschlafen oder mal bei einem Freund in der Wohnung, wenn dieser ihn eingeladen hat. Er erinnert sich an seine Zeit auf der Straße: „Du kannst ohne Wohnung irgendwie durchkommen, aber über kurz oder lang macht die Straße dich fertig. Du bist nur auf den Beinen. Den ganzen Tag. In die Stadt, zur Suppenküche, zum Arbeitsamt, zum Tagesaufenthalt, zu Freunden, abends wieder raus aus der Stadt zu deinem Schlafplatz. Du kommst nie zur Ruhe. Sommers wie winters. Jeden Tag draußen. Das hält niemand lange durch.”

Auf der Straße gelandet sei Ralf damals wegen Drogen. Ein Kapitel, das er aber lange abgeschlossen habe. „Den Heroinentzug habe ich damals in einer Einrichtung in Hagen gemacht“, erinnert er sich. „Das war unglaublich hart. Eine Woche lang habe ich nur zitternd auf dem Bett gelegen. Jetzt habe ich aber Gott sei Dank nur noch die Raucherei“, lacht er und dreht sich die nächste Zigarette. Selbst das letzte Bier habe er getrunken, als er an Weihnachten seine Kinder in Krefeld, seiner alten Heimat, besucht hat. Mittlerweile sei er auch schon dreimal Opa, und das mit 55, erzählt er stolz. Jetzt warte er darauf, dass er seine Familie endlich mal zu sich einladen kann.

Mit seiner Wohnung habe er jetzt alles, was er brauche, in der Nähe. Ein paar Minuten bis zum nächsten Supermarkt. Zehn Minuten zum bodo-Verkäufercafé. Seine beste Freundin wohne auch nur ein paar Straßen entfernt, und mit der Bahn komme er direkt zu seinem Verkaufsplatz in Aplerbeck. „Selbst die anderen Leute hier im Haus scheinen in Ordnung zu sein“, sagt er und lacht. „Den Tisch hier hat mir meine Nachbarin geschenkt. Einfach so, als ich hier eingezogen bin.“ Ein bisschen Einrichtung fehle ihm zwar noch, doch: „Nach Ostern könnt ihr noch mal wieder kommen, dann will ich hier alles fertig haben, denn hier will ich alt werden.“