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Mehr als ein heißes Getränk

Der Winter ist für Menschen ohne eigene Wohnung eine harte Zeit. Im zweiten Corona-Lockdown sind mit geschlossenen Einkaufszentren, Bibliotheken und leeren Innenstädten nicht nur warme Aufenthaltsorte, sondern auch Einkommensmöglichkeiten weggefallen. In der Innenstadt versorgt bodo Menschen, die den Tag auf der Straße verbringen, an sechs Tagen in der Woche mit heißen Getränken und Nötigem. Kaffee & Knifte heißt das Projekt.

Von Alexandra Gehrhardt | Fotos: Sebastian Sellhorst

„Obst?“ – „Ist eingepackt.“ – „Handschuhe?“ – „Auch.“ – „Kaffee?“ – „Ist gleich fertig.“ bodo-Mitarbeiter Sergej Boksan packt Thermoskannen und belegte Brote in den roten Postwagen und checkt die Packliste. Sozialarbeiter Lutz Rutkowski stapelt einige Isomatten und Schlafsäcke in einen Bollerwagen daneben. Dazu Mützen, OP-Masken und ein paar Hygienepacks, dann kann es losgehen mit der „Kaffee & Knifte“-Tour.

Corona prägt die Arbeit in der Wohnungslosenhilfe seit einem Jahr. In den meisten Städten funktionierten seit März Beratung, Versorgung, Unterstützung fast nur noch durchs Fenster, wer konnte, verlagerte Hilfen auf die Straße. Auch bodo hat seine aufsuchende Arbeit ausgeweitet. Waren die Versorgungstouren als zweiwöchentliches Angebot gestartet, gehen die Teams jetzt im Winter und im Lockdown sechsmal wöchentlich.

Ein paar Grad über Null

Los geht‘s. Der Buchladen in der Königsallee ist wegen des Lockdowns zwar noch geschlossen, er ist aber quasi Basislager für die Versorgungstouren. Von hier aus geht es Richtung Hauptbahnhof. Es hat geregnet, der Asphalt ist noch nass, es ist ein paar Grad über Null. Viel ist nicht los. Im Bermuda3Eck halten Lutz und Sergej nur kurz, der Mann, der im Rollstuhl und mit einem Becher in der Hand vor der Apotheke steht, nimmt gern einen Kaffee und eine Banane, sonst braucht er heute nichts.

Weiter geht es zum Hauptbahnhof. Sechs, sieben Leute stehen an einer Seite außen an der Bahnhofshalle, als Lutz und Sergej ankommen. Die beiden parken die Transportwagen, und ein paar Sekunden später duftet es nach heißem Kaffee. Einige von ihnen sind jeden Tag hier. Robert, der eigentlich anders heißt, wartet, bis die anderen fertig sind. Was macht man im Winter und im Lockdown? „Man macht halt Aufgaben, sucht Arbeit. Aber es ist schwierig mit den Ämtern gerade, das geht alles nur telefonisch.“ Wenn er Hunger hat, sagt er, kommt er auch manchmal her zum Bahnhof und zu Kaffee&Knifte.

Eigentlich sei er dann in die Suppenküche gegangen. Aber seit Corona könnten nur noch Leute kommen, die keine Küche haben. „Ich hab ne Küche. Aber was ist mit Lebensmitteln? Nur weil ich eine Wohnung und einen Herd habe, heißt das ja nicht, dass ich mir was kochen kann.“ Die Versorgungslage in Bochum ist schwierig im Winter. Durch Corona mussten fast alle Einrichtungen und Initiativen ihre Kapazitäten herunterfahren oder zumindest zeitweise ganz schließen. Die Suppenküche ist weitab der Innenstadt im Fliednerhaus am Stadion. Essen gibt es – bis vor Kurzem auch für die Bewohner – nur zum Mitnehmen. Noch schwieriger sieht es bei warmen Aufenthaltsorten aus: Im Tagesaufenthalt dürfen nur noch zehn Menschen gleichzeitig maximal 45 Minuten bleiben. 

In der Innenstadt haben Caritas und Diakonie eine Kirche zum Aufenthalt geöffnet – von den Schlafstellen, Tages- und Beratungseinrichtungen ist das weit weg. Noch Anfang Februar waren die Unterkünfte, wie im restlichen Jahr auch, ausschließlich zur Übernachtung geöffnet, der Tagesaufenthalt nur bis zum Nachmittag, sonntags war alles geschlossen. So war es auch an dem Wochenende, an dem ein Wintersturm über NRW zog und auch nach Bochum Schneemassen und Minustemperaturen brachte. Die Kritik war heftig, die Reaktion der Stadt schnell: sie öffnete die Unterkünfte vorerst rund um die Uhr und erweiterte befristet die Öffnungszeiten im Tagesaufenthalt.

Soziale Not erzeugt Scham

Wie viele Menschen in Bochum auf der Straße leben, lässt sich schwer sagen, denn Obdachlosigkeit wird in den meisten Städten nicht statistisch erhoben. Erfasst werden die Menschen, die keine eigene Wohnung haben und ordnungsrechtlich oder über freie Träger untergebracht sind. 875 Personen nennt das NRW-Sozialministerium in seiner aktuellen Wohnungsnotfall-Berichterstattung für Bochum. Doch eine Wohnung zu haben heißt nicht, dass alles in Ordnung ist. „Es scheint viele zu geben, die zwar eine Wohnung haben, aber kein Geld“, sagt Lutz Rutkowski, seit Januar Sozialarbeiter bei bodo. Und wenn man nicht genug Geld hat, um Heizung oder Strom zu zahlen oder den Kühlschrank voll zu machen, ist es draußen vielleicht nicht viel anders als drinnen. Was Lutz auch feststellt: „Vielen Leuten, die wir bei unseren Touren treffen, sieht man ihre Situation nicht an.“ Soziale Not ist ein Stigma, erzeugt Scham. Betroffene versuchen häufig, sie zu verschleiern, und Wohnungslose, im öffentlichen Raum nicht aufzufallen. Die, die ins Auge fallen, sind die, die das nicht mehr können.

Wie der Mann in der Kortumstraße. Mitten in der fast leeren Fußgängerzone sitzt er auf dem Boden, eine gefaltete Isomatte fängt die Kälte von unten ein bisschen ab. Viel Geld ist nicht in seinem Becher. „Gerade geht nicht viel, auch wegen Corona“, sagt er. Es gibt einen Kumpel in Langendreer, bei dem er manchmal übernachten kann, ansonsten schläft er draußen – noch. Einen Schlafsack hat er nicht mehr, sie werden schnell nass; die Maske ist verbraucht, die Hände sind kalt. Lutz und Sergej können aushelfen, auch mit einem heißen Kaffee. „In ein paar Tagen hab ich einen Termin wegen einer Unterkunft. Das wär gut. Hauptsache warm und trocken.“

Nach gut anderthalb Stunden geht es zurück in Richtung Ehrenfeld. Auf dem Weg halten Sergej und Lutz immer wieder bei Menschen an, geben Brote, etwas Süßes, hier einen Schlafsack, da eine warme Mütze aus. Im Buchladen wird alles wieder verstaut und der Wagen für den nächsten Tag gepackt. Denn morgen geht es wieder auf die Straße.