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„Die Leute kommen zur Ruhe“

Warum nicht Hotels? Was außerhalb von Corona etwas absurd klingen mochte, ist in der Pandemie seltsam realistisch und pragmatisch geworden: Die Unterbringung von Obdachlosen in leerstehenden Hotelzimmern könnte zumindest kurzfristig Menschen von der Straße holen und würde den krisengeplagten Hotels Einnahmen verschaffen. In Dortmund haben bodo, das Gast-Haus und das Team Wärmebus im Januar ein Modellprojekt gestartet – und überraschend schnell Erfolge bemerkt.

Von Alexandra Gehrhardt | Fotos: Sebastian Sellhost

Die Lobby wirkt verwaist, so fast ohne Menschen. An einem normalen Tag wäre hier wahrscheinlich ein ständiges Kommen und Gehen. Gerade ist aber wenig normal. Es ist Februar, Lockdown, und Hotels sind für die meisten Gäste geschlossen. Weil aber derzeit kaum „normale“ Gäste da sind, ist Platz für solche, die man in Hotels eher selten sieht. In zehn Einzel- und Doppelzimmern wohnen seit Mitte Januar Menschen, die ansonsten auf der Straße leben.

Der Gedanke dahinter ist einfach: Wer kein Dach über dem Kopf hat, ist spätestens in der Pandemie ungeschützt vor einer Ansteckung und jetzt im Winter auch vor der Kälte. Trotzdem gibt es Menschen, die Notschlafstellen meiden oder für die die Angebote nicht passen. Zugleich stehen im Lockdown Hotels zu großen Teilen leer. Können in diesen Zimmern Menschen leben, die Notunterkünfte, aus welchen Gründen auch immer, meiden, lassen sich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Die Hotels haben Gäste und Einnahmen, und obdachlose Menschen bekommen einen Rückzugsort, der gerade so dringend nötig ist. In einigen Städten wird das – mal mit kommunaler Finanzierung, mal aus Stiftungs- oder Spendengeldern – umgesetzt. In Dortmund sind es das Gast-Haus, das Team des Dortmunder Wärmebus und bodo, die mit Eigenmitteln und Spenden jetzt das Modellprojekt gestartet haben. Zehn Einzel- und Doppelzimmer in der vierten Etage bekommen die Organisationen zum Sonderpreis, dazu ein eigenes Zimmer für Beratungsgespräche.

Michael ist einer der elf Menschen, die gerade hier leben. Zwei Jahre hat er vorher draußen geschlafen, auch im Winter. Bis Corona sei das auch gegangen, sagt er. „Ich war tagsüber in der Bibliothek, hatte es warm und trocken, hab gelesen und gearbeitet. Aber das geht ja jetzt nicht mehr.“ Statt in der Bibliothek versorgt er sich aus den Bücherschränken im Union- und im Kaiserviertel mit neuen Büchern.

„Ich bin der Mann mit den Büchern, so kennt man mich.“ Auf seinem Nachttisch liegt ein Stapel, „Das Parfum“ und eins über die Beatles, gerade liest er „Das Foucault‘sche Pendel“, sagt er. In der Männerübernachtungsstelle war er nicht. „Zu viele Verrückte, zu viele Knastis. Das hab ich gar nicht erst ausprobiert. Ich bin glücklich, dass ich jetzt hier bin, gerade bei dem Wetter. Und zum ersten Mal, seit ich von Zuhause raus bin, hab ich einen Fernseher – und weiß, warum ich keinen brauche.“

Kraft sammeln

„Hier hab ich das erste Mal wieder Zugriff auf tägliche Nachrichten, den Wetterbericht, die Uhrzeit“, erzählt der 51-jährige Thomas. Er hat auch jetzt im Winter draußen geschlafen, an einer Kita im Unionviertel. „Lustig ist das nicht, bei drei, vier Grad, auch wenn man dick angezogen und im Schlafsack ist.“ Kurz bevor es so klirrend kalt wurde, ist er ins Hostel eingezogen.

Das Thema „Hotels für Obdachlose“ ist gerade auch deswegen populär, weil die Räume schnell verfügbar wären und schnelle Lösungen dringend nötig sind. Das erste Corona-Jahr war kräftezehrend und hat zu einer sichtbaren Verelendung auf der Straße geführt. Wohnungslosenhilfen bundesweit haben vor den großen Gefahren dieses Corona-Winters gewarnt. Trotzdem gibt es Menschen, die die Enge, den höheren Stresspegel und schwierige Bedingungen in Sammelunterkünften nicht aushalten und für die Draußenbleiben die bessere Alternative ist. 22 Kältetote zählte die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe bis Mitte Februar in ganz Deutschland – dazu kommen die, die ebenfalls auf der Straße gestorben, aber nicht erfroren sind und damit nicht als Kältetote gelten. 

Mit der Kältewelle und zweistelligen Minustemperaturen hat die Stadt Dortmund ihre Unterbringungskapazitäten hochgefahren und aufgerufen, in die Schlafstellen zu gehen. Im Hauptbahnhof wurde die Königswallpassage zur Übernachtung freigegeben, damit Menschen in den Frostnächten nicht ungeschützt draußen schlafen müssen.

Thomas konnte diese Zeit schon drinnen verbringen. „Ich merke, dass ich zur Ruhe komme. Gerade nachts. Wenn man draußen schläft, dann schläft man zwar ein bisschen. Aber man hat immer ne Alarmanlage an, muss man auch.“ Braucht man die Alarmanlage nicht, ist plötzlich Energie für anderes da. „Jetzt muss ich gucken, dass ich das mit der Arbeitslosenhilfe geregelt kriege. Und ich brauch noch ein Postfach.“ Die Zentrale Beratungsstelle der Diakonie dient für Menschen ohne Wohnsitz als Erreichbarkeitsadresse; Post zum Beispiel vom Jobcenter kommt dann dort an.

Die nächsten Schritte

Damit ist Thomas nicht allein; die fachliche Begleitung ist essenzieller Bestandteil des Projekts, das Modellcharakter haben soll. Alle Gäste sind an die Träger-Organisationen angebunden und auf der Straße, weil sie die bestehenden Unterkünfte meiden oder dort nicht ankommen. Deshalb geht es auch nicht um eine Konkurrenz zu den Angeboten, sondern eher um einen Lückenschluss, wo diese nicht greifen.

Mit allen Gästen wurden vorher intensive Gespräche geführt, es gibt Hausregeln, an die sich alle halten müssen. Gast-Haus-Sozialarbeiterin Anna Sueck und ihr bodo-Kollege Lutz Rutkowski sind alle zwei Tage vor Ort, schauen nach, ob alles in Ordnung ist, jemand Fragen hat oder etwas benötigt. Auch sie stellen fest: „Die Leute kommen zur Ruhe“, sagt Lutz Rutkowski. „Sie wachen morgens in einem Bett auf und haben erstmal keine anderen Sorgen.“ Mit einem wichtigen Effekt, ergänzt Anna Sueck, Sozialarbeiterin beim Gast-Haus: „Viele finden dadurch die Kraft, Sachen anzugehen.“ Ein halbes Jahr lang habe sie erfolglos versucht, Thomas in den Sozialleistungsbezug zu bringen – ein erster Schritt in Richtung Wohnung. „Jetzt findet er aus der Ruhe heraus die Kraft, das in Angriff zu nehmen und Perspektiven zu sehen.“

Und darum geht es: den Moment zu finden, an dem Menschen den Weg starten können, aus der Obdachlosigkeit herauszukommen. Das braucht Begleitung, Auffangen, Geduld und einen Punkt, an dem man sich über manch existenzielle Frage wie die nach einem Schlafplatz nicht sorgen muss. Was gut funktioniert hat, was besser laufen muss und was sich vielleicht verstetigen lässt, werden die Organisationen im Anschluss an das Projekt auswerten. Die ersten Zeichen nach nur ein paar Wochen geben einen guten Ausblick, findet Anna Sueck: „Es ist irre zu sehen, dass da so schnell eine Regeneration stattfindet und sie wieder Zeit haben, für sich selbst zu sorgen und sich um sich zu kümmern.“