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Ein Zelt für den Winter

Covid-19 und die Schließung vieler Einrichtungen stellt die Wohnungslosenhilfe mehr denn je vor die Frage: Wohin im Winter? In Dortmund haben sich mehre- re Initiativen und Vereine zusammengeschlossen und betreiben im Verbund mit der Stadt die Winternothilfe am U: Zweimal täglich stellen sie eine Essensversorgung in einem beheizten Großzelt in der Innenstadt auf die Beine. Ein Besuch.

Von Alexandra Gehrhardt | Fotos: Sebastian Sellhorst

Draußen ist noch nicht viel los so früh am Morgen. Erst drei, vier Männer stehen vor dem Toreingang auf dem ehemaligen Parkplatz am Fuß des Dortmunder U und warten darauf, dass der Einlass ins große weiße Zelt beginnt. Hinter ihnen, über den Platz und am Zaun entlang, sind in Gelb Striche auf den Boden gemalt, alle eineinhalb Meter einer. Ein Zeichen für alle späteren Wartenden, wie groß der Abstand ist, den sie einhalten sollen.

Drinnen im Zelt ist schon deutlich mehr los. Halb acht, in einer halben Stunde geht‘s los. Schon vor einer Stunde haben HelferInnen Brote geschmiert und Tüten gepackt, jetzt macht sich das Team fertig für die Premiere der „Winternothilfe am U“ im Großzelt: Wer ist am Eingang, wer an den Servierwagen, welche Thermoskannen sind die mit Tee, welche mit Kaffee, wo gibt es die Lunchpakete mit Käse, wo die mit Wurst?

Seit im Frühsommer klar wurde, dass die Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe – seit März zumeist nurmehr im Notbetrieb – wohl sehr lange Zeit nicht mehr so würden arbeiten können wie vor Corona, war klar: Es müssen Lösungen für den Winter her. Fast alle Hilfsangebote waren mit dem ersten Lockdown nach draußen verlagert worden; Beratung fand und findet oft unter freiem Himmel statt, wer etwas zu Essen holen oder duschen will, stand und steht Schlange, ob in großer Hitze oder bei Regen. Das Wegbrechen der Infrastruktur hat Spuren hinterlassen; bundesweit berichten Akteure der Wohnungslosenhilfe nach neun Monaten im Ausnahmezustand von starker Verelendung der Betroffenen, die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe mahnt und fordert „sofort zusätzliche Räumlichkeiten für Beratungen, Tagesaufenthalte, Essensausgaben und Übernachtungsstellen. […] Bund und Länder sollten die Kommunen sowie die Dienste und Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe dabei unterstützen.“

300-mal Frühstück

Bereits im Frühjahr haben sich das Gast-Haus, der Dortmunder Wärmebus der Malteser, der katholischen Stadtkirche und der St. Johannes Gesellschaft und bodo zusammengeschlossen und betreiben unter dem Dach des Paritätischen seit April ein temporäres Hygienezentrum in einer städtischen Immobilie. Dreimal in der Woche können Menschen ohne eigene Wohnung hier duschen, sich mit Kleidung und Hygieneartikeln versorgen. Doch die Frage, wie und wo sich ein Ort schaffen lässt, an dem Wohnungslose im Corona-Winter im Trockenen, im Warmen und im Sitzen essen können, blieb lange offen. Schon im Sommer starteten die Verhandlungen mit der Stadt Dortmund, im Oktober gab der Rat der Stadt in seiner allerletzten Sitzung, den letzten Anstoß zur Umsetzung. Jetzt, Mitte November, starten das Gast-Haus, die Kana Suppenküche, das Wärmebus-Team und bodo in Kooperation mit der Stadt Dortmund mit der Winternothilfe am U. Zweimal täglich ist das Großzelt geöffnet, morgens zum Frühstück und nachmittags für einen warmen Eintopf, Kaffee und Kuchen. Das Gelände, das Zelt, einen Toilettenwagen und einen Sicherheitsdienst stellt und finanziert die Stadt Dortmund, den Betrieb und die Versorgung stemmen die Vereine und viele ehrenamtliche HelferInnen. Gut 200 Menschen haben sich auf den gemeinsamen Unterstützungsaufruf gemeldet, um bei der Essensausgabe mitzuhelfen.

„Die Leute würden das ohne auch nicht über den Winter schaffen. Du kannst nicht den ganzen Tag draußen sein und dich dann zum Essen auf den Parkplatz setzen. Du musst irgendwann am Tag die Füße warm kriegen.“  Bernhard, Gast

Im Gast-Haus gingen, seit es wegen der Schließung vieler Einrichtungen Frühstück nur durchs Fenster gab, jeden Morgen rund 300 Lunchpakete durch die Ausgabe. Mit so vielen Gästen rechnen die Betreiber auch hier. Angesichts dessen wirken die gut 15 Leute, die heute Morgen im Einsatz sind, sehr entspannt. „Ach, wir kennen das ja schon, nur der Ort ist ein anderer“, sagt ein Helfer, während er einen der Servierwagen schon mal in einen der Gänge schiebt. „Ich weiß nicht, was kommt, aber egal“, lacht Peter. Er ist zum ersten Mal dabei, nachdem er den Aufruf bei Facebook gesehen und sich gemeldet hat. „Ich hab montags frei und dachte mir, ich kann was Sinnvolles tun.“ Er ist heute zwischen den Tischen unterwegs, schenkt Kaffee und Tee aus. Sein erster Eindruck: „Es ist entspannt und die Leute friedlich. Und alles ist gut organisiert – macht Spaß.“

Abstand halten und Fieber messen

8 Uhr, los geht‘s, die ersten Gäste kommen durch den Eingang. An der Tür ein kurzer Stopp zum Temperaturmessen und zur Händedesinfektion, wer keine Maske hat, bekommt eine. Die HelferInnen warten schon an der Ausgabe, jedeR bekommt ein fertig gepacktes Lunchpaket mit ein paar Broten, Obst und etwas Süßem und sucht sich einen Platz. Kaffee, Tee und Wasser schenken die HelferInnen am Platz aus.

Bernd ist schon seit 7 Uhr am Zelt: „Das ist ja meine Ecke hier, ich hab mir auch den ganzen Aufbau angeguckt. Das ist schon super-professionell gemacht: richtiger Boden, Heizung, alles vom Feinsten.“ Er schaut sich um: „Die Leute würden das ohne auch nicht über den Winter schaffen. Du kannst nicht den ganzen Tag draußen sein und dich dann zum Essen auf den Parkplatz setzen. Du musst irgendwann am Tag die Füße warm kriegen.“ Nach einer Pause sagt er: „Es sind wirklich viele Leute, die das hier brauchen. Es sind auch mehr geworden mit Corona.“

Um 16.30 Uhr öffnet die Winternothilfe noch einmal für drei Stunden, Kaffee, Kuchen und eine warme Mahlzeit, die Premiere übernimmt das Team des Dortmunder Wärmebusses. Seit zwei Jahren gehört das Angebot der Malteser, der Katholischen Stadtkirche und der St.-Johannes-Gesellschaft in den Wintermonaten fest zur Obdachlosenhilfe auf der Straße, als im März die Kana Suppenküche schließen musste, fuhren die ehrenamtlichen HelferInnen weiter, erst täglich, dann zweimal in der Woche, den ganzen Sommer hindurch.

Zwei Gerichte gibt es heute, eine Kartoffel-Gemüse-Suppe und einen Eintopf mit Hack. Sandra steht im abgetrennten Küchenbereich und schöpft aus den großen Wärmebehältern Suppen in weiße Einmalschalen. Sie ist neu im Team, mit Wohnungslosen hatte sie bisher noch nicht zu tun. „Aber das Kind ist groß, ich habe keine kranken Eltern zu versorgen und kann was Gutes tun. Also war das die beste Gelegenheit.“

Am gegen 19.30 Uhr die letzten gegangen sind, werden es rund 560 Menschen sein, die an diesem ersten Tag da waren. Ein Zeichen, wie nötig das Projekt ist. Oder, wie es Nutzer Norbert sagt: „Du siehst das, wie die Leute hier rauskommen: Hier ist richtig gute Laune. Die haben hier seit dem letzten Winter auf sowas gewartet: einfach mal in Ruhe drinnen sitzen, was Leckeres essen, hinterher draußen ein bisschen quatschen.“