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Josef Anton Gera

Am 14. Oktober 1997 wurde der Wohnungslose Josef Anton Gera auf dem ehemaligen Kruppgelände in Bochum so schwer misshandelt, dass er drei Tage später an den Folgen seiner Verletzungen starb. Die Täter: Neonazis. Das Motiv: Hass auf Homosexuelle. Die staatliche Statistik zählt Josef Gera wie 100 weitere Tote seit 1990 nicht als Opfer rechter Gewalt. Ohne das Gedenken antifaschistischer Gruppen wäre auch er längst vergessen.

Von Bastian Pütter

Eine Gedenktafel am Westpark in Bochum erinnert an Josef Anton Gera. Foto: Sebastian Sellhorst

Schwer verletzt benennt Josef Gera nach der Tat „vier Rechtsradikale“ als Angreifer. An den Wänden der Hütte auf dem alten Kruppgelände in der Nähe der Klosterstraße finden sich Hakenkreuze und SS-Runen. Erst nach dem Tod Geras beginnt die Polizei Bochum mit der Ermittlungsarbeit. „Jeder Obdachlose, den man in Bochum fand, wurde zum Polizeipräsidium gebracht und als Zeuge verhört“, berichtet die WAZ.

Der 26-jährige Skinhead Patrick K. und der 35-jährige Uwe K., beide selbst wohnungslos, verstricken sich in Widersprüche und gestehen schließlich die Tat. Beide erklären übereinstimmend, zu fünft gefeiert zu haben. Gera habe den beiden Tätern am späteren Abend sexuelle Avancen gemacht, daraufhin hätten sie ihn mit Schlägen mit einem Stahlrohr schwer verletzt. Vor Angehörigen prahlen sie damit, es „einem Schwulen gezeigt“ zu haben. „Ihre Schilderungen schlossen die Männer mit ,Sieg Heil‘-Rufen ab“, zitiert die WAZ den Leiter der Mordkommission.

Der Staatsanwalt hingegen schließt einen rechtsextremen Hintergrund aus. Mangels der Zugehörigkeit der Täter zu rechtsradikalen Parteien oder Gruppen handele es sich nicht um Neonazis. Das von den Tätern selbst benannte Tatmotiv Homophobie sei vorgeschoben. Stattdessen handele es sich um eine Milieutat, bei der „Alkohol und eine Menge Frustration eine tragende Rolle spielten“. Das Landgericht Bochum verurteilt die Täter schließlich zu fünf und sechs Jahren Haft wegen Körperverletzung mit Todesfolge.

Während die Bundesregierung lediglich 75 Todesopfer rechter Gewalt seit 1990 anerkennt, zählt die Amadeu Antonio Stiftung 179 und geht von einer weitaus höheren Dunkelziffer aus.* „Obdachlose finden als Opfergruppe rechter Gewalt kaum Beachtung. Selten wird ihnen gedacht, über ihr Leben kaum berichtet“, so die Stiftung.

Dass Joseph Gera trotzdem nicht vergessen ist, ist wie in Dutzenden ähnlicher Fälle seit 1990 allein Antifa-Strukturen zu verdanken. Im Magazin Lotta fasste die Bochumer Gruppe „Polit-Café Azzoncao“ zusammen: Nach dem Tod Geras „war der Mord ein großes Thema in der lokalen Presse. Dies änderte sich schlagartig, als der soziale und ökonomische Hintergrund der Täter und deren homophobe Motive bekannt wurden. (…) Hier griffen Vorbehalte gegen das Milieu wohnungsloser Menschen, Vorurteile gegen Schwule und Opportunismus – staatlichen Organen wurde die Definitionsgewalt überlassen – ineinander.“ Dagegen stellten die Bochumer AntifaschistInnen eigene Recherchen und ein autonomes Gedenken mit Demonstrationen und einer – ungefragt – angebrachten Gedenktafel in der Nähe des Tatorts. Und immer wieder Aktionen, damit Josef Anton Gera nicht vergessen wird.

Dieser Text entstand anlässlich des 20. Jahrestags der Tötung von Josef Anton Gera und erschien in der Oktober-Ausgabe 2017 des Straßenmagazins.