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„Wohnungslosigkeit tritt ein, wenn keine Wahl mehr da ist“

Jutta Henke ist Geschäftsführerin der Bremer Gesellschaft für innovative Sozialforschung und Sozialplanung (GISS). Das Forschungsinstitut hat in einer bundesweiten Studie Entstehung, Verlauf und Struktur von Wohnungslosigkeit untersucht und Strategien entwickelt, sie zu beenden oder noch besser: sie abzuwenden.

Von Bastian Pütter

Ein Mann vor der Beratungsstelle für Wohnungslose. Foto: Sebastian Sellhorst

Wohnungslose sind häufig mit Unverständnis und Schuldzuschreibungen konfrontiert: „Wohnen kann doch jeder.“

Man glaubt, bei Wohnungslosen müsse etwas ganz anders sein als bei mir oder dir, das stimmt aber nicht. Tatsächlich sind bei ihnen überaus ungünstige Faktoren so zusammengetroffen, dass es am Ende keine Optionen mehr gab und der Wohnungsverlust unausweichlich wurde. Materielle Ursachen sind ein Hauptgrund: 80 Prozent der Menschen verlieren am Ende ihre Wohnung, weil sie die Miete nicht zahlen können. Großen Einfluss hat, wie erreichbar und wie sichtbar das Hilfesystem ist, und wie präventiv es arbeitet. Und dann sind es persönliche Faktoren, die zum Beispiel gesundheitlicher Art sein können. Am Ende sind die Selbsthilfekräfte erschöpft. Solange die Menschen eine Wahl haben, treffen sie die vernünftigsten Entscheidungen, die man in einer schwierigen Lage treffen kann. Wohnungslosigkeit tritt ein, wenn keine Wahl mehr da ist.

Ihr Forschungsprojekt hat so etwas wie einen Gesamtüberblick über die Situation der Wohnungslosenhilfe in Deutschland erstellt. Wie sind Sie vorgegangen?

Als erstes haben wir eine Onlinebefragung bei einem repräsentativen Ausschnitt an Kommunen gemacht und dort die Verwaltungen, aber auch alle freien Träger und alle Jobcenter befragt. Daraus können wir ganz gut schließen, wie sich die Hilfeangebote und die Notlagen verteilen.
Der zweite Schritt war eine Vertiefungsstudie, in der wir zwölf Hilfesysteme detailliert angeschaut haben. Wir haben mit allen AkteurInnen vor Ort gesprochen und uns Verfahren, Abläufe und Strukturen erklären lassen. Denn ein wichtiges Ziel der Untersuchung war es, Ansatzpunkte für Verbesserungen zu finden. Der dritte Teil bestand aus Interviews mit Menschen, die wohnungslos waren und solchen, die ihre Wohnungslosigkeit überwunden hatten – mit dem gleichen Ziel: Wir wollten wissen, was hat bei der zweiten Gruppe funktioniert, das bei anderen nicht geklappt hat. Wir halten es für einen Fehler, nur auf die sichtbare Problematik zu gucken, weil die Problemlösungen dort genau nicht gefunden werden. Lösungen findet man vor dem Wohnungsverlust oder danach: z. B. in der Wohnungsversorgung und langfristigen Absicherung.

Jutta Henke, Bremer Gesellschaft für innovative Sozialforschung und Sozialplanung. Foto: GISS

Zur Frage des „Davor“ haben Sie ein Plädoyer veröffentlicht, in dem Sie fordern, den Fokus auf die Vermeidung von Wohnungslosigkeit zu verschieben. Wie soll das aussehen?

Indem man die Hilfen für Menschen auf der Straße ausbaut, verliert man aus den Augen, wo die Problemlösung liegt. Einer unserer Befunde ist, dass die präventiven Hilfesysteme viel weniger sichtbar sind, als sie selbst glauben. Dort glaubt man, die Leute warten und verlieren Zeit. Das stimmt nicht. Sie wissen oft nicht, welche Hilfe es wo gibt. Das heißt für das System, es muss sich erstens so sichtbar wie möglich machen. Es muss deutlich gemacht werden, dass eine Stadt Wohnungslosigkeit verhindern will. Das muss sie zeigen, dafür muss sie eine Homepage haben, Anzeigen schalten, Flyer drucken usw. Das volle Programm. Und das zweite ist: Sie muss ihre Instrumente nutzen. Ein Ergebnis der Untersuchung war, dass der Einsatz von persönlicher Unterstützung zur Wohnungssicherung längst nicht in dem Umfang genutzt wird, wie es möglich wäre. Es gibt beispielsweise das Betreute Wohnen, auch in NRW, doch das wird häufig nur nachgehend, also nach dem Wohnungsverlust, eingesetzt. Viel wirkungsvoller wäre es, diese Leistung schon im Vorfeld zu installieren, um den Wohnungsverlust abzuwenden. Unvermeidbare Wohnungsverluste gibt es viel weniger, als man glaubt.

Sie betonen in Fragen der Prävention besonders die Rolle der Jobcenter.

Ein wirklich überraschender Befund in der Untersuchung war, dass die Jobcenter die Institutionen sind, die als erste von den Menschen selbst über die Notlage erfahren. Da ist ein echter Knackpunkt. Wir haben das auch in vielen Interviews gehört. Die Menschen, vor allem wenn sie im Leistungsbezug sind, wenden sich logischerweise zuerst an die Stelle, die für ihr Einkommen zuständig ist, und das sind die Jobcenter. Die Betroffenen kennen aber die Verfahren nicht, und deshalb sagen sie nicht: „Ich möchte einen Antrag auf Übernahme meiner Mietschulden stellen“, sondern sie sagen: „Ich kann meine Miete nicht zahlen, ich hab‘ kein Geld.“ Das wird im Gespräch möglicherweise wahrgenommen, aber oft nicht als Anzeige einer gravierenden Notlage. In so einem Fall gehen die Leute unverrichteter Dinge und denken, es gibt keine Möglichkeit der Problemlösung. Die Kommunen müssen sich mit den Jobcentern über Wege des Informationsaustauschs verständigen. Informationen dürfen dort nicht versickern. Wir raten darüber hinaus dazu, dass die Jobcenter einen präventiven Auftrag bekommen. Dass Wohnungssicherung Vorrang hat, sollte im Gesetz stehen. Auf keinen Fall kann man diese Chance aus der Hand geben.

In Ihrer Studie stellen Sie Ungleichheiten bei der Versorgung von Männern und Frauen fest.

Ja. Es gibt insgesamt recht gut ausgebaute Hilfesysteme für Menschen, die bereits wohnungslos geworden sind. In diesen Systemen fehlen aber spezielle Angebote für Frauen, was dazu führt, dass Frauen auf die Inanspruchnahme von Hilfen verzichten. Das muss man ändern.

Bei den Männern liegt die Ungleichbehandlung bei der Prävention. Männern wird mehr zugetraut, aber auch mehr zugemutet. Wir halten das für falsch, weil gerade die Gruppe der alleinstehenden Männer hohe Risiken hat. Dem müsste man eigentlich begegnen. Es ist unbestritten, dass Frauen einen hohen Schutzbedarf haben. Sobald man aber den Gedanken umdreht und sich fragt, ob Männer etwa keinen Schutzbedarf haben, wird einem klar: Das stimmt nicht.

Ein Aspekt dieser „Zumutungen“ für Männer sind die Notunterkünfte, deren Nutzung oft die Bedingung ist, um weitere Hilfen zu bekommen.

Sammelunterbringung ist von allen Formen der Versorgung die schlechteste. Wir hoffen, dass die Kommunen aus der Pandemie die Lehre ziehen, sich stärker in Richtung Einzelunterbringung zu orientieren.

Schaut man auf das „Danach“ von Wohnungslosigkeit, stößt man unweigerlich auf die sich auch in unserer Region weiter schließenden Wohnungsmärkte. Zur Beendigung von Wohnungslosigkeit braucht es nun mal Wohnungen.

Eine erfolgreiche Strategie ist eine Eins-zu-Eins-Vermittlung. Die Bundesagentur für Arbeit und die Jobcenter machen das bei der Jobsuche unter dem Stichwort „bewerberorientierte Vermittlung“. Die gilt Menschen, die besonders viele Hemmnisse haben und bei denen klar ist: Wenn sich ein Arbeitgeber unter einer Zahl möglicher Bewerber eine Person aussucht, dann nicht diese. Damit auch diese Person eine Chance auf dem Arbeitsmarkt bekommt, muss man die Logik umdrehen und sagen: Ich will genau diesen Bewerber oder diese Bewerberin in Arbeit vermitteln. Übertragen auf die Wohnraumversorgung heißt das: Solange Vermieter am Markt auswählen können, entscheiden sie sich zwangsläufig gegen den Wohnungslosen. Wer will, dass sich diese Menschen mit Wohnraum versorgen können, muss Energie hier investieren: bürgen, absichern, begleiten. Man unterschätzt schnell, wie viel Wohnraum auf diese Weise erschlossen werden kann. Durch aktive Begleitung, Intervention und im Zweifel auch Unterstützung des Vermieters lässt sich oft erreichen, dass eine bestimmte Person einen Mietvertrag erhält.

Die NRW-Landesregierung unterstützt inzwischen den Housing-first-Ansatz, die umweglose Vermittlung von der Straße in Normalwohnverhältnisse. Dabei werden Träger zum Erwerb und der Vermietung von Wohnraum ermutigt. In der Praxis scheitert das – auch bei uns – an fehlenden Mitteln. Deshalb sind die Erfolgszahlen insgesamt überschaubar.

Auch bei Housing First unterschätzt man schnell die Mengeneffekte. Denn wenn ein Träger eine Wohnung langfristig immer wieder an den gleichen Personenkreis vergeben kann, hat das durchaus Auswirkungen. Die kleinen Zahlen sind nichts Schlimmes. Bessere Möglichkeiten haben etwas institutioneller aufgebaute Wohnraumagenturen, die mal mit Kauf, mal mit Zwischenvermietung arbeiten oder eben Maklerangebote machen. Größere Chancen haben natürlich Kommunen, die Geld einsetzen könnten, um Wohnraum speziell für diesen Personenkreis zu sichern, oder – das machen inzwischen viele – Einfluss auf den Neubau nehmen, immer mit dem gleichen Ziel: die benachteiligende Logik am Wohnungsmarkt auszuhebeln und auch die Menschen ohne Marktchancen mit Wohnraum zu versorgen.

Jutta Henke: Wie lässt sich Wohnungslosigkeit verhindern? Ein Plädoyer.
ISBN: 978-3-7841-3267-9
Soziale Arbeit Kontrovers 23
Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge | 64 S. | 9 Euro