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Vor dem Winter

„Der Winter naht“ ist eine reichlich absurd erscheinende Ankündigung mitten im Hochsommer. In Wirklichkeit ist sie zurzeit bestimmendes Thema in der Wohnungslosenhilfe unter Corona-Bedingungen. Das hat drei Gründe.

Von Bastian Pütter
Fotos: Sebastian Sellhorst

Der erste: Nach Monaten des Reagierens, der Ad-Hoc-Lösungen, der rasant wechselnden Nachrichten- und Vorschriftenlage wissen wir genug, um wieder vorsichtige Pläne zu machen: Das Virus bleibt durch strenge Regeln (Masken, Abstand, Fallverfolgung) voraussichtlich beherrschbar – und es bleibt uns eine Weile erhalten.

Zweitens gibt das den Blick frei auf die „Zukunftsfähigkeit“ der gefundenen Lösungen. Wohnungslose aus Bochum, das fast alle Hilfen einstellte, zog es früh in die Nachbarstädte, in Dortmund blieben es trotz gemeinsamer Anstrengungen Schönwetter-Provisorien.

Für die von Wohnungslosigkeit Betroffenen machte das einiges einfacher. Die erzwungene Schließung aller Aufenthaltsräume war und ist trotzdem eine große Belastung. Manche Menschen sind seit Monaten pausenlos draußen. Trotzdem ließ sich mit aufsuchender Arbeit und Versorgungsangeboten auf der Straße vieles auffangen.

Doch längst ist klar: Die Ausgabe von Lunchpaketen am Fenster – nach langem Schlange stehen unter freiem Himmel – ist eine Notlösung, die weder den Bedarf decken kann noch bei Regen funktioniert. Einzelne Einrichtungen, die mit wenigen Sitzplätzen wieder öffnen können, produzieren durch Ausschlüsse und Wartezeiten zusätzlichen Frust. Der Vertrauensaufbau, der nötig ist, um Hilfeprozesse in Gang zu setzen, ist außerhalb der Anlaufstellen und Tagesaufenthalte ungleich schwieriger.

Drastisch ist die Verschlechterung im Bereich der sanitären Einrichtungen. Hier fielen große Teile der Infrastruktur weg – von Häusern der Wohnungslosenhilfe über Schnellrestaurants, Kaufhäuser bis zu öffentlichen Einrichtungen. Die Stadt Dortmund stellte dankenswerterweise eine leerstehende Einrichtung mit Sanitärtrakt zur Verfügung, die wir im Verbund als temporäres Hygienezentrum betreiben. Inzwischen gibt es die Zusage, dieses Angebot mindestens bis Ende September zu ermöglichen.

Denn auch in der Dortmunder Verwaltung ist man sich bewusst – und das ist der dritte Grund dafür, bereits jetzt an den Winter zu denken –, dass mit den anstehenden Kommunalwahlen und der Neukonstituierung der Rathäuser politische Beschlüsse auf Monate nur eingeschränkt möglich sein werden. Darum arbeiten wir mit Hochdruck an corona-konformen Lösungen, die einen wettergeschützten Aufenthalt und eine wenigstens überdachte Essensversorgung ermöglichen.