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"Die Straße ist im Kopf"

Mit 16 wird er das erste Mal obdachlos, haltlose Jahre folgen, immer wieder schläft er draußen – und schreibt das auf der Straße Erlebte auf. Die „Flüchtlingskrise“ 2015 verändert sein Leben: „Man muss nichts besitzen, um helfen zu können.“ Dominik Bloh lernt Menschen kennen, die sein Engagement und sein Talent beeindruckt, hat bald eine Wohnung und einen Verlag. „Unter Palmen aus Stahl“ wird ein Bestseller. Die Straße allerdings ist im Kopf, weiß er. Ende Februar liest er bei den bodo-Geburtstagsfeiern in Bochum und Dortmund.

Von Bastian Pütter 

Am Nikolaustag parkt vor dem Millerntor-Stadion des FC St. Pauli ein bunt angemalter Linienbus mit blickdichten Scheiben, auf dem wie ein fröhlicher Anfeuerungsruf das Kunstwort „GoBanyo“ prangt. Banyo heißt auf Türkisch Badezimmer, der Bus beherbergt davon drei und eine Kleiderkammer. Drinnen im Clublokal stellt Dominik Bloh mit seinen MitstreiterInnen das Projekt vor. „Waschen ist Würde“, sagt der 31-Jährige. Um Obdachlosen dazu zu verhelfen, hatte Bloh bei der Hochbahn AG vorgesprochen und einen alten Linienbus geschenkt gekommen. In nur vier Wochen kommen 170.000 Euro für den Umbau zum Duschbus zusammen.

„Dann haben wir Strukturen aufgebaut, ein Team gefunden“, sagt Bloh. „Ich komm‘ von der Straße, ich hab in vielen Bereichen noch gar keine Ahnung – da ist es wichtig, Leute zu finden und ranzulassen, die ihre Kompetenzen einbringen.  Mit sichtbarem Erfolg: „Du siehst, wie der eben noch geknickte, gebrochene Mann aus dem Bus steigt und an der Ampel steht: gerade. Den Kopf oben, den Blick nach vorne. Darum geht es.“

Bei Dominik Bloh verbindet sich der Wunsch zu helfen mit den eigenen, prägenden Erfahrungen. Mit 16 setzte ihn seine psychisch kranke Mutter vor die Tür, im Zuständigkeitengewirr der Ämter rutschte der Schüler durch – bis ganz unten. „Ich selbst war dann mit meinen zwei Koffern eineinhalb Jahre draußen. Ich bin weiter zur Schule gegangen, bis die mich rauswarf, weil ich keine Meldeadresse hatte.“ Weitere Phasen der Obdachlosigkeit folgten.

„Man ist in diesem Überlebensmodus. Überleben und Leben sind grundverschiedene Dinge.  Du kämpfst, den ganzen Tag, pausenlos. Durchkommen, Grundbedürfnisse so gut es geht befriedigen, der Gewalt ausweichen.“ Obwohl er seine Geschichte oft erzählt hat, schmerzt die Erinnerung. „Voll unangenehm“, sagt er kurz und atmet durch.

„Für mich war das größte Problem auf der Straße, mich nicht waschen zu können“, fährt Bloh fort. „Das Äußere schlägt sich auf das Innere nieder. Wer immer dreckig ist, der fühlt sich am Ende wie Dreck.“ Nach einer Pause schiebt er nach: „Mir klar war: Wenn es mir mal besser geht, dann möchte ich da etwas erreichen.“

Die „Flüchtlingskrise“ 2015 wird zum Wendepunkt. „2015 habe ich auf der Straße Menschen getroffen, die mein Leben führten, aber aus dem Krieg kamen und dann in Hamburg vor Douglas und dem Bodyshop auf Isomatten lagen. Da wollte ich einfach was tun. Ich dachte, ich spreche die Sprache hier, ich kenne die Orte, an die man gehen muss, ich kann nützlich sein.“

Dominik Bloh kümmert sich, beginnt schließlich in der Kleiderkammer der Notunterkunft in den Hamburger Messehallen zu arbeiten. Unverhofft wird er mit anderen Ehrenamtlichen zum jährlichen Weihnachtsessen bei Tim Mälzer eingeladen. Er erzählt von sich und beeindruckt. Einer der Gäste meldet sich später, besorgt eine Wohnung, seine Stiftung zahlt ein Jahr lang die Miete, „dann kannst du auf die Beine kommen.“ Ein Neubeginn. „Wer Gutes tut, bekommt tatsächlich Gutes zurück, habe ich gelernt“, sagt Bloh.

„Du kämpfst, den ganzen Tag, pausenlos. Durchkommen,
Grundbedürfnisse so gut es geht befriedigen,
der Gewalt ausweichen.“

Der Obdachlose ist nun ein ehemaliger Obdachloser. Dass er bald erfolgreicher Autor, regelmäßiger Talkshowgast und auf ständiger Lesereise sein wird, ahnt niemand. Dominik Bloh schreibt schon als Kind. Auf der Straße wickelt er Stifte und Papier in seine Ersatzkleidung ein, um sie vor Nässe und Dreck zu schützen, schreibt oft nächtelang, bis die Finger vor Kälte zu stark zittern. „Es war ein Ventil, es hat geholfen alles zu ertragen. Dass ein Buch daraus wurde, ist ein Traum. Dass es Menschen dazu bringt, ihr Denken und Handeln zu verändern, ist umso schöner.“

„Unter Palmen aus Stahl“ wird ein Bestseller, Medien reißen sich um den eloquenten Mann. „Ich erinnere mich an meinen Opa, der beim Frühstück die Süddeutsche liest, während ich meinen Marmeladentoast esse. Und auf einmal bin ich da drin und ich seh‘ mein Bild.“ Kein Grund jedoch für Höhenflüge, findet er. „Für einen selbst merkt man schnell, dass es nicht viel bedeutet, im Fernsehen zu sein oder in der Zeitung zu stehen. Freunde zum Beispiel sind tausendmal wichtiger als jeder kleine Hauch von Ruhm, der einen da plötzlich anweht.“

Aber verändert einen der Medienzirkus? „2015 habe ich entschieden, dass ich ich sein möchte. Seitdem lebe ich auch so. Erst neulich war ich in einer Nachrichtensendung. Da steht dieses Desk, und ich soll meine Hände drauflegen, damit ich nicht so unsicher wirke. Ich habe das abgelehnt, weil sie zu mir gehört, diese Unsicherheit. Ich habe vieles von dem, was früher schlecht und belastend war, in etwas für mich Positives verwandelt. Das ist mein Weg.“

Und wieviel Straße hat er noch in sich? „100 Prozent“, sagt Bloh entschieden. „Die Straße ist im Kopf.“ In seiner Wohnung bleibt die Wäsche in Reisetaschen, ein Schlafsack liegt bereit. Auf dem Balkon stehen die Lebensmittel, der Kühlschrank ist nicht angeschlossen. „Das sind alles konditionierte Mechanismen aus der Zeit auf der Straße.“ Das Ankommen sei ein Kapitel, das selten erzählt werde, dabei bräuchten Obdachlose auch danach Hilfe. „Stattdessen kommen die Gläubiger. Sobald man wieder eine Meldeadresse hat, geht der Wahnsinn los. Es kommen alle, von der Krankenversicherung bis zu Verkehrsbetrieben. Im Nu hat man Zehntausende Euro Schulden.“

Dass eines Morgens um fünf vor Acht die GEZ vor der Tür stand, um eine vierstellige Summe Rundfunkbeitrag für die Zeit auf der Straße einzutreiben, behalte er inzwischen für sich. „Die Leute sagen dann: Nein, das passiert hier nicht, sowas gibt’s nicht. Ich hab das mal bei einer Lesung erzählt und es gab ungläubiges Getuschel, und dann stand ein Mann auf, fing an zu weinen und sagte, dass auch ihm keiner glaubt. Dabei betrifft es so viele.“

Die zweite große Katastrophe sei die Straftat Schwarzfahren. „Menschen auf der Straße brauchen öffentliche Verkehrsmittel zum Überleben. Das ist in manchen Situationen der einzige warme Ort, den man findet. Und dafür wird man strafrechtlich belangt und zum Täter gemacht.“ Eine vierstellige Zahl Menschen geht jedes Jahr dafür ins Gefängnis. „Ein ganz großer Missstand in unserem System.“

Doch zum Verzweifeln sei das alles nicht. „Es gibt immer Probleme, aber ich möchte einen positiven Blick. Unser Bus etwa ist bunt, auffällig und soll gute Laune machen. Wir können Obdachlosigkeit beenden. Dafür brauchen wir politische Richtungsentscheidungen und einen Wechsel im Denken. Uns als Gesellschaft darf Obdachlosigkeit nicht mehr egal sein.“ Und es klingt so überzeugt wie überzeugend, wenn er nachschiebt: „Und wir packen das auch. Wir müssen nur dranbleiben.“

Dominik Bloh liest zum bodo-Jubiläum

am 28. Februar in Dortmund,
Werkhalle des Union Gewerbehofs
 
am 29. Februar in Bochum,
Zeitmaul-Theater