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Forschungsgruppe zählt Dortmunds Obdachlose

Als Teil eines Forschungsprojekts der Fachhochschule Dortmund zählten und interviewten am 20. Mai 80 Studierende der Sozialen Arbeit Wohnungslose im Dortmunder Stadtgebiet. Nun stellten Prof. Dr. Dierk Borstel, Tim Sonnenberg und Stephanie Szczepanek den Forschungsansatz und ein erstes Ergebnis vor.

Das besteht erst einmal aus einer nackten Zahl: 606 Befragte gaben an, ohne eigene Wohnung oder gar völlig ungeschützt auf der Straße zu leben. Weitere 203 Personen gaben an, akut von Wohnungs- und Obdachlosigkeit bedroht zu sein. Genauer wurde in Dortmund noch nie hingeschaut, eine Stichtagszählung wie diese hat es noch nicht gegeben. Dass die Zahl der Betroffenen vollständig abgebildet wurde, verneinen die Forscher jedoch: Gezählt wurde nur, wer Angaben zur Wohnsituation machen wollte. Die eigentliche Bedeutung des Forschungsvorhabens liegt in der Erhebung zusätzlicher qualitativer Daten.

„Endlich hört uns einer zu“

In mehreren Schichten besuchten die Studierenden ganztags alle bekannten und vorrecherchierten Schlaf-, Treff-, Bettel-, Verkaufsplätze, Hilfs- und Beratungsorganisationen, Notunterkünfte, Tafeln und Suppenküchen der Stadt. Doppelzählungen sollten durch die Frage, ob die Befragten bereits gezählt wurden, auf ein Minimum reduziert werden. Alle Betroffenen wurden nach ihrer Wohnsituation befragt. In vielen Fällen fanden zusätzliche biographische Gespräche statt, die anschließend protokolliert wurden. Die Gespräche sollen einen tieferen Einblick in Bedarfe, Risikofaktoren, Lebenssituationen und Merkmale von Obdach- und Wohnungslosigkeit ermöglichen, so die ForscherInnen. Diese Daten werden nun systematisch ausgewertet. In der zweiten Jahreshälfte wird das Forschungsteam in bodo über die Erkenntnisse jenseits der erfassten Zahl Wohnungs- und Obdachloser Rede und Antwort stehen.

Die Forscher betonen, dass das Feedback der Betroffenen zur Befragung überaus positiv ausfiel. Stephanie Szczepanek: „Wir waren überrascht, wie viele Menschen sich uns geöffnet haben. Es gab Tränen, schwere und lustige Momente voller Menschlichkeit.“ Tim Sonnenberg ergänzt: „Wir wollten denen eine Stimme geben, die viel zu wenig gehört werden. Viele betonten: Endlich hört uns einer zu und nimmt uns ernst.“ Prof. Dr. Dierk Borstel richtet sich an die Dortmunder Politik und Stadtverwaltung: „Sehr viele Betroffene waren sich in den Gesprächen einig: Die bestehenden Hilfestrukturen reichen trotz der enormen Anstrengungen vor allem der freien Träger nicht aus. Da muss die Stadt jetzt dringend nachlegen.“

Vorreiterrolle

NRW ist das einzige Bundesland, das versucht, Wohnungslosigkeit fortlaufend statistisch zu erfassen. Die sogenannte Wohnungsnotfallstatistik zählt die von den Kommunen registrierten Wohnungslosen und die bei einzelnen freien Trägern erfassten. Sie hilft, langfristige Trends aufzuzeigen. Doch zählt sie gerade diejenigen nicht, die ohne Zugang zum Hilfesystem auf der Straße oder in verdeckter Obdachlosigkeit leben. Besondere Genauigkeit kann man der Statistik auch deshalb nicht nachsagen, weil es praktisch unbeachtet bleibt, wenn eine Großstadt wie Dortmund wegen einer Datenpanne „Null“ Wohnungslose meldet wie im vergangenen Jahr. Oder wenn die Bochumer Zahlen der Diakonie vom Ministerium als zu hoch zurückgewiesen werden wie 2017.

Groß angelegte Befragungen wie die 2018 zum vierten Mal seit 1992 durchgeführte Hamburger Obdachlosen- und Wohnungslosenuntersuchung erheben Daten über die NutzerInnen von Wohnungsloseneinrichtungen. Dazu gehören auch für die soziale Arbeit besonders hilfreiche Fragen zur Nutzung von Hilfsangeboten oder zu den Ursachen der Obdachlosigkeit.

Mit einer Stichtagszählung, die Straßenobdachlosigkeit auch außerhalb von Hilfseinrichtungen zählt, ist Dortmund Vorreiter. Inzwischen wird ein solcher Vorschlag auch in Berlin diskutiert. Die zusätzliche Erhebung qualitativer Daten und die daraus entstehenden Forschungsarbeiten könnten das Forschungsprojekt zum Vorbild für andere Städte machen.