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„Aber so ist es halt grad“

„Niemand muss auf der Straße schlafen.“ Ein Entlastungssatz. Wer ihn sagt, betont, seine Pflicht getan zu haben und weist den Betroffenen die Verantwortung zu. Doch gleichgültig, wie richtig oder falsch dieser Satz ist, in der sozialen Wirklichkeit unserer Städte ist Obdachlosigkeit ein Fakt: Hunderte Menschen leben unter schwierigsten Bedingungen draußen. Wir haben drei bodo-Verkäufer besucht und nicht nach Verantwortung gefragt, sondern danach, wie sie leben.

Text & Fotos: Sebastian Sellhorst

Daniel*, Bochum

Am Rande der Bochumer Innenstadt: monotones Rauschen des Ruhrschnellweges. „Hätte ich nicht das Haus gefunden, ich hätte ich mich auch hier unter die Autobahnbrücke legen können. Hat ein Kumpel mal gemacht. Ist völlig irre geworden von dem Lärm.“ Neben mir ist Daniel*, 32 Jahre alt. Wir sind auf dem Weg zu dem, was er zurzeit sein Zuhause nennt. Die Nächte verbringt er in einem leerstehenden Haus am Stadtrand. Heute nimmt er mich mit. Während wir an freistehenden Einfamilienhäusern vorbeigehen, erinnert er sich an seine erste Nacht. „Eigentlich wollte ich damals in die Übernachtungsstelle, aber es war spät abends und die hatte schon zu, da hab ich mich erinnert, dass mir ein Kumpel von dem leerstehenden Haus erzählt hat.“ Als wir an dem mit Graffiti bemalten Haus mit den fast vollständig vernagelten Fenstern ankommen, gehen wir erst einmal unauffällig vorbei. In der angrenzenden Firma ist gerade Mittagspause. „Man weiß nie, wie misstrauisch die Leute sind.“ Nach einigen Zigaretten ist die Mittagspause vorbei und wir klettern durch ein Fenster im Erdgeschoss. Modriger Geruch, der Boden voller Scherben, die Stromleitungen aus den Wänden gerissen. „Ich war nicht der erste hier. Schrottsammler haben das Haus schon leer gemacht. Mit Kupferleitungen kannst du richtig Kohle machen.“ Mit einer Taschenlampe leuchtet Daniel uns den Weg durch das dunkle Treppenhaus und den Flur im ersten Stock. Die Wände sind blau angemalt und lassen ein ehemaliges Kinderzimmer vermuten, jetzt sind sie Daniels Nachtlager. Auf dem Boden eine Isomatte, Schlafsack, Teelichter, eine große Sporttasche. „Ich hab mich hier oben eingerichtet, da höre ich am besten, falls nachts jemand die Treppe hochkommt.“

Michael*, Dortmund

Vor einigen Wochen trafen wir Michael in unserer Anlaufstelle. Bei sich hatte er nur noch eine Tasche mit den verkohlten Überresten seines Besitzes. „Das ist alles, was ich noch habe“, sagt er. Auf einem Bahndamm in der Nähe der Dortmunder Innenstadt hatte er sich einen kleinen Verschlag gezimmert. „Als ich mir was zu essen machen wollte, hat mein Gasbrenner Feuer gefangen. Innerhalb von Sekunden stand alles in Flammen.“ Am folgenden Tag treffen wir uns an den Überresten seiner Bleibe. „Ich hatte es eigentlich ganz nett hier. Und es hat sich hier nie jemanden an mir gestört. Manchmal kam die Polizei vorbei. Aber die wollte immer nur wissen, ob alles in Ordnung ist.“ Jetzt durchwühlt er die Asche nach seinen letzten Habseligkeiten. „Ich bin nur heilfroh, dass ich gesund aus der Nummer raus gekommen bin.“ Die letzten Nächte habe er sich ein paar Bretter an eine Wand gelehnt und darunter geschlafen. Seine Hütte wieder aufbauen will er aber nicht. „Hier werde ich nicht weitermachen. Ich such mir was Neues.“

Jan*, Dortmund

Am Rand der Dortmunder Nordstadt hat Jan* sein Zelt aufgeschlagen. Während wir uns gemeinsam auf den Weg durch den an eine Hauptstraße angrenzenden jungen Laubwald machen, erzählt er, wie er hierhergekommen ist: „Bis vor Kurzem war ich noch mit einem Kumpel in einem leerstehenden Haus. Da haben uns dann aber nachts immer wieder Leute besucht. Da machst du irgendwann kein Auge mehr zu, weil du nicht weißt, ob dir da jemand einfach nur einen Streich spielen will, oder dich verprügeln und ausrauben möchte. Mein Kumpel ist jetzt in einer Übernachtungseinrichtung. Das ist aber nix für mich, darum bin ich hier hin.“ In einer Senke zwischen etwas höheren Bäumen hat Jan sein grünes Igluzelt aufgeschlagen. Im Inneren das Nötigste, um sich vor den Temperaturen zu schützen: eine Isomatte, ein Schlafsack, ein Rucksack mit Kleidung. „Ich habe das Zelt extra so aufgebaut, dass man es von der Straße aus nicht sehen kann. Du willst halt eine ruhige Ecke haben, aber auch nicht wer weiß wie weit draußen im Niemandsland schlafen.“ Die Stelle, die Jan gefunden hat, scheint beliebt zu sein. Nur einen Steinwurf von seinem Lagerplatz finden sich Überreste von Zelten und einer Bretterbude. „ Im Moment scheine ich aber der Einzige hier zu sein. Optimal ist das alles nicht, aber so ist es halt grad.“

* alle Namen geändert

Unter freiem Himmel, in einem Zelt oder einem Leerstand zu leben ist in den seltensten Fällen eine freiwillige Entscheidung. Wer seine Wohnung verliert und obdachlos wird, hat in der Regel viele Rückschläge hinter sich und vor allem eines nicht: Stabilität.

Stabilität braucht es, um den Weg durch die staatliche Wohnungslosenhilfe zu meistern. Es kostet Kraft, sich mit Behörden auseinanderzusetzen, bürokratische Hürden zu überwinden, und „mitzuwirken“. In Dortmund hängt von dieser Mitwirkung der Zugang zur kommunalen Wohnungslosenhilfe, und zum Platz in einer Notunterkunft, ab.

Die akute Wohnungskrise, die längst auch das Ruhrgebiet erreicht hat, hat die Zahl der Wohnungslosen rapide ansteigen lassen – um 70 Prozent in Bochum in zwei Jahren, um mehr als das Dreifache in Dortmund innerhalb eines Jahres. Bezahlbarer Wohnraum ist auch in Bochum und Dortmund Mangelware. Wer heute die eigene Wohnung verliert, läuft Gefahr, lange keine neue zu finden. Auch sichtbare Straßenobdachlosigkeit hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe bestätigen den Eindruck und merken an, dass Betroffene nicht nur häufiger, sondern auch stärker psychisch belastet sind. Dennoch sind Obdachlose stigmatisiert. Der Begriff erzeugt falsche Bilder bei Außenstehenden; bei Betroffenen führt das oft dazu, dass sie die eigene Not verdecken, um nicht aufzufallen. So bleibt Obdachlosigkeit, obwohl sie sichtbarer geworden ist, ein in seiner Größenordnung schwer überschaubares Phänomen.

Wer draußen lebt, lernt, sich unsichtbar zu machen, die eigenen Habseligkeiten zu verstecken, dort zu schlafen, wo es niemand sieht. Bei der Auswahl des Schlafplatzes zählt dann nicht, wie bequem er ist, sondern ob er vor Blicken und der Witterung schützt, ob man vielleicht AnwohnerInnen stört oder von Ordnungskräften entdeckt werden könnte. So wird man zum Experten für Fragen, in denen niemand Experte sein möchte.

Mit unserer Arbeit versuchen wir, Obdachlosigkeit zu beenden – im besten Fall zu verhindern, dass sie eintritt. In unseren Anlaufstellen helfen wir in Notsituationen mit dem Nötigsten, dem Schlafsack, dem Frühstück, dem Ort, um sich aufzuwärmen. Wir versuchen, Betroffenen in Krisen zur Seite zu stehen, unterstützen bei der Kommunikation mit Behörden, beraten und begleiten bei den ersten, oft kleinen, Schritten. Vor allem versuchen wir, Selbstvertrauen zu stärken, stark zu machen für die nächsten Schritte, zusammen mit den unterschiedlichen Fachstellen und anderen Akteuren der Wohnungslosenhilfe.